Sie sind zu einer großen Familie geworden
Die 20 Mitglieder von „Wacana Budaya“ gehören zu den 349 Indonesiern, die in Frankfurt offiziell gemeldet sind. Die „Permif“, die Dachorganisation indonesischer Gruppen in Frankfurt, umfasst 17 christliche, islamische und hinduistische Gemeinden sowie Kulturgruppen und zählt 300 Mitglieder, die regelmäßig aus allen Regionen Hessens anreisen. Nicht alle sind Indonesier, auch einige Deutsche, die sich für die indonesische Kultur interessieren, gehören dazu.
Gemeinschaft ist den meisten Indonesiern sehr wichtig. Das gilt auch für die Mitglieder von „Wacana Budaya“: Junge und alte Menschen kommen hier zusammen. Sie sind Christen, Muslime oder Hindus und stammen aus verschiedenen Teilen des südostasiatischen Inselreichs. Seit Jahren kennen sie sich, inzwischen sind sie zu einer großen Familie geworden. Auch ein gemeinsames Ziel eint die Hobbymusiker: Sie wollen die indonesische Kultur in Deutschland bekannt machen – „Wacana Budaya“ bedeutet nicht umsonst „Botschaft der Kultur“. Das Ensemble tritt in verschiedenen deutschen Städten auf und stand auch schon in Italien, England und Marokko auf der Bühne.
Erinnerungen an Java
Gamelan-Musik wird oft bei feierlichen Anlässen gespielt und dient meistens zur Begleitung von Tänzen, traditionellem Schattentheater und geistlichen Liedern. Auf den indonesischen Inseln Java und Bali ist dieser Stil stark verbreitet und wird ständig weiterentwickelt. Es ist dort nichts Ungewöhnliches, dass ein Gamelan-Ensemble zusammen mit einem E-Gitarristen und einem Schlagzeuger auf der Bühne steht.
Das nächste Stück wird von einer kurzen Melodie der Bonang eingeleitet. Die Metallophone übernehmen die Tonfolge, es entsteht ein Klanggebilde, das an fließendes Wasser oder an Kirchenglocken erinnert. Plötzlich stimmen die Musiker einen meditativen Gesang an. Die Texte, die in javanischer Sprache überliefert sind, handeln von Wiedersehensfreude, haben religiöse Inhalte oder erzählen von bestimmten Orten auf Java.
Viele sind in Kulturvereinen oder religiösen Gemeinden aktiv
„Der einzigartige Klang der Instrumente fasziniert uns. Gerade die älteren Mitglieder singen auch gern mit, weil die Texte sie an ihre Heimat erinnern“, sagt Frank Purwanto, der das Ensemble leitet. Suparti Mitrotaruno-Schaib entspannt sich gern zu den Klängen der Musik. Wie viele ältere Indonesierinnen ist sie in den siebziger Jahren als Krankenschwester nach Deutschland gekommen, weil es hier zu wenig Personal an den Kliniken gab. „Ich konnte damals nicht Deutsch sprechen“, erinnert sich die Javanerin. Das Essen schmeckte ihr nicht, und sie fror oft, weil sie die tropischen Temperaturen ihres Heimatlandes gewöhnt war. Sie wollte nur für zwei oder drei Jahre in der Fremde bleiben, konnte sich dann aber doch nicht losreißen. Inzwischen ist sie mit einem Deutschen verheiratet.
Wie Mitrotaruno-Schaib und Purwanto sind viele Indonesier in Kulturvereinen aktiv. Mindestens ebenso viele treffen sich in religiösen Gemeinden. Die Mehrheit der Indonesier ist muslimisch, in Frankfurt gibt es nur 117 indonesische Christen. Doch trotz ihrer kleinen Zahl sind sie in ihren Gemeinden sehr engagiert.
Nach Deutschland zum Studieren
Sichtlich gut gelaunt hält Pater Wolfgang Bock den Gottesdienst der Katholisch-Indonesischen Gemeinde Frankfurt im Krohmannsaal der Sankt-Antonius-Kirche in Rödelheim. Er trägt ein Messgewand, das genauso weiß ist wie das Tischtuch, das den Altar bedeckt. Lächelnd erzählt der deutsche Priester in fließendem Indonesisch die Geschichte des Mannes, der auf den Besuch Jesu wartete und nicht bemerkte, dass der Sohn Gottes ihm in Gestalt von drei hilfsbedürftigen Menschen längst erschienen war.
Bock ist den umgekehrten Weg gegangen wie viele seiner Gemeindemitglieder: Fast 40 Jahre lang lebte er in Indonesien, nach Deutschland ist er nur aus gesundheitlichen Gründen zurückgekehrt. Zusammen mit Wendelinus Parera und Putroko Kristyanto sitzt er in einem kleinen Raum im Keller des Gemeindehauses. Die Männer sprechen über ihre Erfahrungen: Der 77 Jahre alte Parera gehört zur ersten Generation von Indonesiern, die ein neues Leben in Deutschland begonnen hatten, lange bevor die Einwanderungswelle der siebziger Jahre einsetzte. 1958 verließ er seine Heimatinsel Flores, um in Göttingen Betriebs- und Volkswirtschaftslehre zu studieren. Nachdem er sein Studium abgeschlossen hatte, arbeitete er für Misereor, bis er seiner Frau zuliebe den Beruf aufgab und Hausmann wurde. Seit fast 30 Jahren ist er in der Gemeinde aktiv und organisiert Seminare, in denen über theologische und gesellschaftliche Probleme diskutiert wird. Kristyanto gehört einer jüngeren Generation an. Der IT-Systemtechniker kam 1992 ebenfalls zum Studieren nach Deutschland und stieß vor 13 Jahren – damals noch als Student – zur Gemeinde.
„Ich lege mein Schicksal in Gottes Hände“
An der Spitze der „Evangelischen Indonesischen Kristusgemeinde“ Rhein-Main steht allerdings eine junge Frau: Yunita Rondonuwu-Lasut kam vor vier Jahren von der Insel Sulawesi nach Darmstadt, um ihr Amt als Pfarrerin der Gemeinde aufzunehmen, die ein Jahr zuvor aus der Vereinigung der Frankfurter und der Darmstädter Gemeinde entstanden war. Seitdem leitet sie jeden Sonntagnachmittag den Gottesdienst, immer abwechselnd in Frankfurt und in Darmstadt. Sie hält ihre Gottesdienste auf Indonesisch, ein Gemeindemitglied übersetzt ihre Worte simultan ins Deutsche.
Im nächsten Jahr wird Rondunuwu-Lasuts Vertrag auslaufen. Die Pfarrerin ist sich noch nicht sicher, ob sie dann in Deutschland bleiben oder in ihre Heimat zurückkehren will. Doch trotz ihrer unsicheren Zukunft hat sie keine Angst: „Ich lege mein Schicksal in Gottes Hände.“
Wie im indonesischen Dorf
Auf dem Altar im schlichten Gemeinderaum der Sankt-Pauls-Gemeinde am Römerberg stehen ein kleines Kreuz und ein Blumengesteck. Von draußen dringt Lärm in den Raum, da alle Fenster wegen der Hitze geöffnet sind. Doch Rondonuwu-Lasuts Stimme ist nicht zu überhören: Leidenschaftlich predigt sie über die christliche Gemeinde, die der Apostel Paulus einst in Korinth aufbaute, und stellt Bezüge zu ihrer eigenen Gemeinde her: Deren Mitglieder dürften sich nicht isolieren, sondern sollten durch ihr positives Beispiel den Geist der Solidarität in die Gesellschaft hineintragen.
„In unseren Gemeinden gibt es einen starken Zusammenhalt, den man mit den traditionellen Dorfgemeinschaften in Indonesien vergleichen kann“, erklärt Parera. „Wir kapseln uns nicht vom Rest der Gesellschaft ab, aber wir drängen uns auch nicht mit aller Gewalt in den Vordergrund.“ Vielleicht liegt es gerade an der kleinen Zahl der Indonesier in Frankfurt, dass unter ihnen ein so großes Gemeinschaftsgefühl spürbar ist. Eine Verbundenheit, die auch am Ende des Gottesdienstes noch einmal bekräftigt wird. Die Gemeinde singt ein letztes Lied: „Salam kawanku, sampai bertemu“ – „Sei gegrüßt, mein Freund, bis wir uns wiedersehen.“
Sonntag:
15:00 Uhr Gottesdienst
ca. 15:30 Uhr Kindergottesdienst
Montag:
15:00 Uhr Gebets- und Frauenkreis
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